Neue Perspektiven des Luxus
Frankfurt, 21.5.2010Die Zeit reinen Konsumierens ist vorbei. Neuer Luxus fordert eine aufgeklärte Einstellung gegenüber Produkten und ihrem wahren Wert. Liegt der Luxus von morgen im Wahren, Schönen und Guten? Der Centurion Luxury Report Ti22 von American Express spürt Trends auf und geht Entwicklungen in diesem Bereich nach. Die Newsletteredition stellt den Report in drei Ausgaben vor.
"Luxus wird sich immer in Abgrenzung zum gewöhnlichen Alltag setzen. Aber schon heute ist sichtbar, dass in einem hektischen, von ständiger Vernetzung bestimmten Alltag Unerreichbarkeit und Zeit zum Luxus werden." Cornelius Tittel, Kulturchef der WELT-Gruppe
Zukunft des Luxus
Luxus ist dem Wandel unterworfen. Er verändert sich mit der Gesellschaft und ihren Werten. Vieles, was die Generation der Eltern als Luxus empfand, ist für ihre Kinder allgemeiner Standard - besonders bei technischen Entwicklungen. Aber was ist Luxus eigentlich? In unserer Gesellschaft assoziiert man Luxus häufig noch mit dem ursprünglichen Sinn des lateinischen Wortes: Üppigkeit, Verschwendung. Anders ausgedrückt: Luxus sind jene Annehmlichkeiten, für die man sich eigentlich schämen müsste, weil sie nur begrenzt verfügbar sind und nicht jeder sie haben kann - gleichzeitig propagieren Werbung und Medien diese Dinge als begehrens- und erstrebenswert. Ist Luxus überhaupt noch zeitgemäß? Ja, sagen die Experten. Aber der Luxus der Zukunft sieht anders aus. Nach dem Kollaps der kreditfinanzierten Massenspekulation ohne echten Gegenwert verblasst auch der Glanz reiner Statussymbole: „Yachten mit goldenen Wasserhähnen, schwere Limousinen, Uhren im Format von Tennisbällen, Designervillen, in denen zwar alle technischen Spielereien eingebaut sind, aber man sich zwischen Ehepartnern kein Wort mehr zu sagen hat. All das wird heute zu Ladenhütern", prophezeit Trendforscher Matthias Horx. „Zeit, Aufmerksamkeit, Stille, Konzentration, Sinnhaftigkeit, Ethik", bestimmen das neue Luxusverständnis von heute, glaubt Horx.
Das „deutsche" Luxusverständnis
Orte wie Acapulco und Saint-Tropez wecken nostalgische Klischees vom kosmopolitischen Jetset und seinen internationalen Hotspots, wo sich die Reichen und Berühmten dieser Welt treffen, um ihre Yachten, Sportwägen und Diamanten-Colliers bewundern zu lassen. Seit dem 20. Jahrhundert assoziiert man Luxus mit Globalität. Doch genau wie Kunst, Architektur und Mode ist auch der Luxus ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft und ihrer Werte. Das Luxusverständnis in Deutschland unterscheidet sich durchaus von anderen Ländern. „Ich glaube, dass die Deutschen ein etwas kritischeres Verhältnis zum Luxus haben als in anderen Ländern; womöglich, weil dieses Land stark protestantisch geprägt ist", sagt Alexander Marguier, Ressortleiter „Gesellschaft" bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Matthias Horx attestiert den Deutschen gar einen „verklemmten Luxus-Begriff, weil sie immer vom sozialen Gewissen geplagt sind". Zudem fehle den Deutschen ein Stil-Luxus, „eine vom Geld abgekoppelte 'Luxurität der Haltung'" wie bei den Briten und Italienern. Für die Deutschen, sagt Horx, ist Luxus, „was so teuer ist, dass der Nachbar nicht drankommt." Doch ein solcher Luxus ist mehr Zwang als Freude. Lebensqualität wächst nicht mit der Zahl neidischer oder bewundernder Blicke. Immaterieller Luxus befreit den Menschen vom Urteil seiner Umwelt.
Immaterielle Werte
Das Streben nach immateriellen Werten könnte die globale Luxus-Avantgarde bald ähnlich prägen wie einst das Bild materieller Zuschaustellung von der Côte d'Azur bis zu den Bahamas. Immaterielle Werte sind individuell und universell. Das verbindet. Die globale Finanzkrise war nicht der Auslöser, aber sie begünstigt das Nachdenken über Qualität und echte Werte. Wo Konsumismus zur allgemeinen Lebensmaxime gerät, wo zunehmende Komplexität den Alltag der Menschen bestimmt, wo materielle Werte zunehmend an Sicherheit verlieren, verändert auch der Luxus seine Bedeutung. Die Einsicht wächst, dass immaterielle Werte wie Zeit und Muße sehr viel mehr zur Lebensqualität beitragen können als ein schnelles Auto, das meist in der Garage oder im Stau steht. Die ästhetischen, intellektuellen und kulturellen Seiten des Lebens genießen wachsende Wertschätzung, glaubt Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Vor allem die Kunst profitiere vom neuen Luxusverständnis. Bei wenigen Dingen ist die Wertschätzung so abgekoppelt vom reinen Materialwert wie bei einem Kunstwerk. Ein Gemälde von Picasso ist unendlich wertvoller als das Material, aus dem es geschaffen ist: Leinwand, Ölfarbe und eventuell das Holz für den Rahmen. Neben seinem Marktwert besitzt jedes Kunstwerk einen ästhetischen Wert, der höchst individuell ist und sich nicht in Geldwert beziffern lässt - nur in der Freude, die es seinen Betrachtern macht.
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